Warum SAP Key User nach dem Go-Live überfordert sind

Key User gelten als Erfolgsfaktor jeder SAP-Einführung — und sind nach dem Go-Live oft auf sich allein gestellt. Eine Umfrage zeigt: 80 Prozent der Unternehmen berichten von Überforderung, fast ein Drittel sieht die Projektziele gefährdet. Dieser Artikel zeigt, warum das so ist — und was Unternehmen und Führungskräfte konkret dagegen tun können.

Warum SAP Key User nach dem Go-Live überfordert sind

Sie werden als Brücke zwischen Fachbereich und IT beschrieben. Als Multiplikatoren. Als erste Ansprechpartner für alle Fragen rund um das neue SAP-System. Als interne Experten, die ihr Wissen an die Kolleginnen und Kollegen weitergeben. Kurz: als Erfolgsfaktor Nummer eins jeder S/4HANA-Einführung oder größeren SAP-Transformation.

Was dabei gerne übersehen wird: All das soll nebenbei passieren. Neben dem vollständigen Tagesgeschäft, neben den üblichen Jahresendarbeiten, neben den Urlaubsvertretungen und den normalen Abteilungsaufgaben. Und nach dem Go-Live — wenn das Projekt offiziell abgeschlossen ist und die Unterstützung von außen zurückgezogen wurde — sind die Key User plötzlich auf sich allein gestellt.

Eine Umfrage des IT-Onlinemagazins im Auftrag der tts GmbH zeigt: Rund 80 Prozent der Unternehmen berichten von einer aktuellen oder drohenden Überforderung ihrer Key User. Fast ein Drittel sieht dadurch die Projektziele ernsthaft gefährdet — knapp die Hälfte spürt den Druck deutlich.

Quelle: IT-Onlinemagazin / tts GmbH, 2025

Das ist kein Einzelfall. Es ist ein Muster, das sich in S/4HANA-Projekten, Template-Rollouts und größeren SAP-Prozessumstellungen quer durch alle Branchen und Unternehmensgrößen wiederholt.

Was Key User leisten sollen — und was das in der Praxis bedeutet

Das Anforderungsprofil einer Key-User-Rolle klingt auf dem Papier gut strukturiert: Prozesse mitgestalten, neue Abläufe testen, Dokumentationen erstellen, Kolleginnen und Kollegen schulen, als erste Anlaufstelle bei Fragen fungieren, Feedback zwischen Fachbereich und IT transportieren.

Was in Projekthandbüchern selten steht: Diese Rolle kommt on top. Der Mitarbeiter in der Kreditorenbuchhaltung, der als Key User für FI-AP nominiert wurde, bucht weiterhin Eingangsrechnungen, bereitet den Monatsabschluss vor und beantwortet Lieferantenanfragen. Dazu kommt jetzt die Key-User-Aufgabe — und nach dem Go-Live die inoffizielle Rolle als First-Level-Support für alle, die nicht wissen, wie die neue Fiori-App funktioniert.

Wer Key User benennt, muss auch Kapazität, Rückhalt und ein klares Rollenverständnis schaffen — sonst wird aus einer Schlüsselrolle eine stille Überlastung. Das ist keine Frage der Motivation der betroffenen Mitarbeitenden. Es ist eine Frage der Führung.

Was Key User nach dem Go-Live typischerweise leisten sollen

  • Erste Anlaufstelle für Anwenderfragen zu Prozessen und Fiori-Apps sein
  • Fehler und Unklarheiten einschätzen und entscheiden: selbst lösen oder eskalieren?
  • Neue Mitarbeitende ins System einarbeiten
  • Systemänderungen und Updates in die Abteilung kommunizieren
  • Rückmeldungen zu Prozessabweichungen und Optimierungsbedarf sammeln
  • Das alles — neben dem vollständigen Tagesgeschäft

Warum die Überforderung nach dem Go-Live besonders groß ist

Während des Projekts gibt es noch Unterstützung: externe Berater, ein Projektteam, regelmäßige Abstimmungen, klare Ansprechpartner. Nach dem Go-Live zieht sich das Projektteam zurück. Die externe Unterstützung endet. Die Hypercare-Phase — wenn es sie gab — ist nach wenigen Wochen vorbei.

Was bleibt, ist die volle operative Last des neuen Systems. Und genau jetzt stellen sich die Fragen, die sich im Projekt nicht stellen ließen: Was tun, wenn der Zahlungslauf einen Fehler wirft, den noch niemand kennt? Wie bucht man korrekt, wenn der Prozess im neuen System anders läuft als im ECC? Wer entscheidet, ob ein Problem ein Anwenderfehler oder ein Systemfehler ist?

Praxis-Hinweis

Das Wissen, das Key User im Projekt aufgebaut haben, ist oft breiter als tief. Sie kennen den Prozess im Überblick, haben ihn in Testszenarien durchgespielt — aber die echten Grenzfälle des Tagesgeschäfts tauchen erst im Produktivbetrieb auf. Genau dann, wenn die externe Unterstützung nicht mehr da ist.

Hinzu kommt ein Problem, das in Projekten systematisch unterschätzt wird: Key User werden häufig für ihre Fachkenntnisse ausgewählt — nicht für ihre Fähigkeit, Wissen zu vermitteln. Jemand, der den Purchase-to-Pay-Prozess seit Jahren kennt, ist deshalb noch kein Trainer. Methodische Kompetenz, Didaktik und die Geduld, Kolleginnen und Kollegen mit immer denselben Fragen zu begleiten, sind eigene Fähigkeiten — die selten systematisch gefördert werden.

Die fünf häufigsten Überforderungsfallen

1. Die Doppelrolle ohne Entlastung

Key User sollen 50 Prozent ihrer Zeit für das Projekt reservieren — das steht in manchem Projektplan. In der Realität läuft das Tagesgeschäft weiter, und die 50 Prozent kommen obendrauf. Nach dem Go-Live ist die Doppelrolle noch ausgeprägter: voller Arbeitstag plus inoffizieller IT-Support für die Abteilung.

2. Fehlende Tiefe beim eigenen Systemwissen

Key User haben im Projekt gelernt, wie Standardprozesse laufen. Sonderfälle, Fehlerbilder und Edge Cases lernen sie erst im Produktivbetrieb — wenn sie eigentlich schon als Experten gelten sollen. Das erzeugt eine Lücke zwischen dem, was von ihnen erwartet wird, und dem, was sie sicher beantworten können.

3. Unklare Eskalationswege

Wer ruft man an, wenn das System einen unbekannten Fehler zeigt? Ist das ein Anwenderproblem, ein Prozessthema oder ein technischer Fehler? In vielen Unternehmen fehlt nach dem Go-Live ein klar definierter Supportpfad. Key User landen zwischen Fachbereich, IT-Helpdesk und externem Berater — ohne zu wissen, wohin das Problem gehört.

4. Neue Mitarbeitende ohne Einarbeitungskonzept

Projektschulungen finden einmalig vor dem Go-Live statt. Wer danach ins Unternehmen kommt, wird häufig vom nächsten verfügbaren Key User eingewiesen — informell, lückenhaft und ohne einheitliche Qualität. Das Wissen, das dabei weitergegeben wird, entspricht nicht dem, was neue Mitarbeitende eigentlich brauchen.

5. Kein Rückhalt aus der Führungsebene

Wenn die Führungsebene die Key-User-Rolle nicht aktiv schützt — indem sie dem Mitarbeiter tatsächlich Kapazität freischaufelt, die Rolle nach innen sichtbar macht und konsequent dahintersteht — dann bleibt die Rolle eine Zusatzaufgabe ohne Anerkennung. Das zermürbt. Die Motivation sinkt, und mit ihr die Qualität der internen Unterstützung.

Was die Folgen sind — für das Unternehmen

Überlastete Key User sind kein persönliches Problem der betroffenen Mitarbeitenden. Sie sind ein strukturelles Risiko für den Projekterfolg und den laufenden Betrieb.

Typische Folgen überforderter Key User

  • Anwender fragen seltener nach — und arbeiten stattdessen mit Workarounds weiter
  • Der IT-Helpdesk ist überlastet mit Fragen, die eigentlich fachlicher Natur sind
  • Fehler in der Systemnutzung setzen sich fest und werden zur neuen Routine
  • Die Investition in die SAP-Transformation entfaltet ihr Potenzial nicht
  • Key User verlieren Motivation und ziehen sich aus der Rolle zurück
  • Neue Mitarbeitende werden unvollständig eingearbeitet — und festigen Fehler der Vorgänger
Wenn Key User scheitern, scheitert nicht die Technik. Es scheitert der Wissenstransfer — und damit der eigentliche Kern jeder erfolgreichen SAP-Transformation.

Was wirklich hilft — und was nicht

Die Antwort ist nicht, noch mehr auf Key User zu laden. Die Antwort liegt in konkreter, strukturierter Unterstützung — vor und nach dem Go-Live.

Was nicht hilft

Einmalige Projektschulungen kurz vor dem Go-Live. Informelle Einweisungen ohne einheitliche Qualität. Die Erwartung, dass gute Fachkräfte automatisch gute Trainer sind. Und die Hoffnung, dass sich die Dinge nach ein paar Wochen von selbst einpendeln.

Was hilft

Key User brauchen nach dem Go-Live gezielte Unterstützung in drei Bereichen: vertieftes Systemwissen für die Grenzfälle des Tagesgeschäfts, methodische Kompetenz für die Weitergabe dieses Wissens — und einen klar definierten Rückhalt, wenn Fragen auftauchen, die sie selbst nicht lösen können.

Bewährte Ansätze aus der Praxis

  • Vertieftes Nachtraining — 4 bis 8 Wochen nach Go-Live, wenn die echten Fragen des Arbeitsalltags auf dem Tisch liegen. Nicht vorher.
  • SAP-Sprechstunde — feste, regelmäßige Termine in den ersten Monaten, in denen Key User offene Fragen mit einem erfahrenen Ansprechpartner klären können. Kein Ticket, kein Formular, direkte Antworten.
  • Klare Eskalationswege — schriftlich definiert, wer bei welchem Problem angesprochen wird: Anwenderfehler zum Key User, Prozessfrage zum Modulverantwortlichen, technischer Fehler an die IT.
  • Strukturiertes Einarbeitungskonzept — für neue Mitarbeitende dokumentiert und reproduzierbar, nicht improvisiert.
  • Sichtbarkeit der Rolle — die Führungsebene kommuniziert aktiv, wer die Key User sind, was ihre Rolle bedeutet und welche Kapazität dafür vorgesehen ist.

Wie ich Key User konkret unterstütze

Als SAP FI/CO-Berater und Trainer arbeite ich gezielt mit Key Usern nach dem Go-Live — nicht mit allgemeinen Überblicksschulungen, sondern mit praxisnaher Unterstützung für die Situationen, die im Tagesgeschäft wirklich auftreten. Meine Module sind auf FI/CO ausgerichtet: GL, AP, AR, AA und Bankbuchhaltung.

Meine Angebote für Key User nach dem Go-Live

  • Key-User-Nachtraining FI/CO — modulspezifisch, praxisnah, auf die echten Grenzfälle ausgerichtet, die erst im Produktivbetrieb sichtbar werden
  • SAP-Sprechstunde nach Go-Live — regelmäßig, zum Beispiel zwei- bis dreimal pro Woche in den ersten Wochen nach dem Go-Live, für direkte Fragen ohne Ticket und ohne Wartezeit
  • Key-User-Coaching FI/CO — Einzelbegleitung für Key User, die ihre Rolle tiefer verstehen und souveräner ausfüllen wollen
  • Einarbeitungskonzept für neue SAP-Anwender — strukturiert, dokumentiert und für neue Mitarbeitende direkt einsetzbar, ohne jedes Mal neu von vorn anzufangen

Die Form richtet sich nach dem, was das Unternehmen und die betroffenen Personen gerade brauchen. Das Ziel ist immer dasselbe: Key User, die ihre Rolle sicher ausfüllen können — die Fragen beantworten, statt sie weiterzuleiten, und ihre Kolleginnen und Kollegen wirklich unterstützen.

Ist Ihr Key-User-Modell tragfähig?

Wenn Sie mindestens zwei dieser Fragen mit „Nein" beantworten, besteht konkreter Handlungsbedarf:

  • Haben Key User nach dem Go-Live feste, geschützte Zeitkontingente für ihre Rolle?
  • Gibt es schriftlich definierte Eskalationswege — wer bekommt welches Problem?
  • Gibt es ein Nachtraining 4 bis 8 Wochen nach Go-Live, wenn die echten Fragen sichtbar werden?
  • Gibt es ein strukturiertes, reproduzierbares Einarbeitungskonzept für neue Mitarbeitende?
  • Gibt es regelmäßige SAP-Sprechstunden, in denen Key User direkte Unterstützung erhalten?

Key-User-Entlastungscheck anfragen

In 30 Minuten schauen wir gemeinsam, wo Ihr Key-User-Modell steht —

und welches Format Ihre Key User nach dem Go-Live am wirkungsvollsten entlastet.

Key-User-Entlastungscheck anfragen →

Newsletter

SAP-Wissen direkt in Ihr Postfach

Praxistipps, Erfahrungsberichte und Aktuelles rund um SAP FI/CO – für Anwender, Key-User und alle, die SAP wirklich verstehen wollen.

Was Sie erwartet

  • Praxisnahe SAP FI/CO-Tipps aus echten Projekten
  • Hinweise zu Zertifizierungen & SAP-Neuigkeiten
  • Monatlich, kein Spam – jederzeit abbestellbar

SAP FI/CO Schulung anfragen

Praxisnahe Schulungen, Zertifizierungsvorbereitung und individuelle Projektbegleitung – sprechen Sie mich an.

Schulung anfragen
Cookie Präferenzen anpassen