SAP GUI vs. Fiori: Warum viele Anwender zurückwechseln wollen
Nach dem Go-Live kehren viele Anwender zur SAP GUI zurück. Kein Versagen, sondern ein bekanntes Muster mit konkreten Ursachen. Dieser Artikel erklärt, warum das passiert, was Unternehmen dadurch verlieren und welche Möglichkeiten SAP Fiori bietet, die in der GUI schlicht nicht existieren.
Der Go-Live ist geschafft, SAP Fiori ist aktiviert, die Schulungen haben stattgefunden. Und trotzdem passiert in vielen Unternehmen nach einigen Wochen dasselbe: Anwenderinnen und Anwender finden Wege zurück zur SAP GUI. Manchmal offiziell, weil bestimmte Transaktionen noch nicht in Fiori verfügbar sind. Häufiger inoffiziell, weil die gewohnten T-Codes schneller, vertrauter und im Stress verlässlicher wirken als die neue Oberfläche.
Dieses Verhalten ist weder ungewöhnlich noch überraschend. Es folgt bekannten Mustern, die sich in vielen S/4HANA-Projekten beobachten lassen. Und es hat konkrete Ursachen, die sich benennen und beheben lassen.
— Jan-Philip Becker, adesso business consulting Blog: „Von SAP GUI zu SAP Fiori in der S/4HANA-Ära: Strategische Transformation der Benutzererfahrung", April 2026
GUI und Fiori: Was sie wirklich unterscheidet
Bevor wir zu den Problemen kommen, lohnt ein kurzer Blick auf das, was beide Oberflächen grundlegend unterscheidet, nicht technisch, sondern aus Anwenderperspektive.
Die SAP GUI ist seit Jahrzehnten der Standard. Sie ist dicht, funktional und auf Effizienz ausgelegt, für Menschen, die sie täglich nutzen und ihre Logik verinnerlicht haben. T-Codes, Menüpfade, Tabstrips: Das alles wirkt auf Außenstehende kryptisch, für erfahrene Anwender ist es Muskelgedächtnis. Jede Aktion ist direkt erreichbar, der Weg vom Gedanken zur Buchung ist kurz.
SAP Fiori ist der strategische Nachfolger. Rollenbasiert, kachelförmig, browserbasiert und auf einen anderen Nutzungstyp ausgelegt: weniger Transaktionstiefe, mehr Prozessführung, mehr integrierte Analysemöglichkeiten. In der Theorie verkürzt sich damit die Einarbeitungszeit für neue Mitarbeitende erheblich. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass der Wechsel auf SAP Fiori nicht automatisch eine höhere Akzeptanz bedeutet.
GUI vs. Fiori in der Praxis
- SAP GUI: T-Code eingeben, Maske öffnet sich, Felder ausfüllen, buchen. Drei bis fünf Sekunden für erfahrene Anwender.
- SAP Fiori: Launchpad öffnen, Kachel suchen oder anklicken, App laden, Prozess starten. Mehr Schritte, mehr Ladezeit, dafür mehr Prozessführung und integrierte Analytik.
- Das Spannungsfeld: Wer jahrelang mit GUI gearbeitet hat, erlebt Fiori zunächst als Rückschritt, obwohl Fiori in vielen Bereichen zusätzliche Funktionen und analytische Möglichkeiten bietet.
Die fünf häufigsten Gründe, warum Anwender zurückwechseln
1. Geschwindigkeit und Performance
Das ist der meistgenannte Grund und er ist oft berechtigt. Aus Projekterfahrung und verschiedenen Rückmeldungen aus der SAP-Community zeigt sich regelmäßig: Performance, Bedienbarkeit und Stabilität gehören zu den wichtigsten Einflussfaktoren für die Akzeptanz neuer SAP-Oberflächen. Wenn eine Fiori-App drei bis fünf Sekunden braucht, um zu laden, und die gleiche Aktion in der GUI in einer Sekunde erledigt ist, entscheidet sich die Sachbearbeiterin im Tagesgeschäft für den schnelleren Weg. Immer.
Das ist kein Akzeptanzproblem. Das ist Pragmatismus. Und er ist vollkommen verständlich.
2. Fehlende Funktionen oder nicht aktivierte Apps
SAP verlagert bereits heute einzelne Funktionen vollständig in das Fiori-Umfeld. Beispiele finden sich unter anderem in der Bankenverwaltung oder bei bestimmten Meldeverfahren. Gleichzeitig gibt es nach wie vor Prozesse, für die Fiori-Apps entweder nicht vollständig verfügbar oder im konkreten System noch nicht aktiviert sind. Anwender, die auf einen fehlenden Prozessschritt stoßen, wechseln zur GUI und bleiben dort.
3. Berechtigungsprobleme und technische Hürden
SAP-Fiori-Anwendungen laufen im Browser und greifen über das SAP Gateway auf das Backend zu. Dadurch unterscheiden sich die Analyse- und Fehlerbehebungsmethoden für Berechtigungen erheblich von klassischen SAP-GUI-Transaktionen. Fiori-Fehlern liegen oft ganz andere Ursachen zugrunde als bei GUI-Anwendungen. Wenn eine Kachel grau ist, eine App nicht lädt oder eine Fehlermeldung erscheint, die niemand deuten kann, geht der Anwender den Weg des geringsten Widerstands zurück zur GUI.
4. Das Muskelgedächtnis schlägt zurück
Wer zehn Jahre lang FBL1N eingegeben hat, tippt diesen T-Code auch nach dem Go-Live automatisch in die Befehlszeile. Das ist keine Verweigerungshaltung, das ist neuronale Effizienz. Unser Gehirn optimiert auf Routinen. Neue Oberflächen unterbrechen diese Routinen, und das kostet kognitive Energie, besonders unter Zeitdruck, besonders beim Monatsabschluss, besonders wenn zehn Kollegen warten.
Praxis-Hinweis
In S/4HANA lassen sich T-Codes weiterhin in der Suchleiste des Fiori Launchpad eingeben. Das System öffnet dann die entsprechende GUI-Transaktion oder leitet auf die Fiori-App um. Viele Anwender wissen das nicht. Wer es erklärt, nimmt einen großen Teil der Anfangshürde weg.
5. Fehlende Schulung für den Arbeitsalltag
Projektschulungen zeigen, wie Fiori aussieht. Sie zeigen selten, wie man damit effizient arbeitet: unter echtem Zeitdruck, mit echten Daten, in echten Ausnahmesituationen. Dieser Unterschied entscheidet darüber, ob Fiori nach dem Go-Live wirklich genutzt wird oder nur geduldet.
Warum das ein strategisches Problem ist
Wenn Anwender dauerhaft in der GUI arbeiten, entstehen mehrere Probleme gleichzeitig.
Folgen dauerhafter GUI-Nutzung nach dem Go-Live
- Embedded Analytics bleibt ungenutzt. Echtzeit-Reporting, KPI-Dashboards, direkte Drilldowns aus der Analyse in die Buchung, all das ist in S/4HANA inklusive und wird nicht genutzt.
- Externes BI bleibt notwendiger Umweg. Wer für Auswertungen weiterhin auf BW-Exporte oder Excel-Pivots angewiesen ist, zahlt für Möglichkeiten, die bereits im System liegen.
- Die strategische Richtung von SAP wird ignoriert. SAP verfolgt seit Jahren eine konsequente Fiori-first-Strategie. Neue Funktionen entstehen zunehmend ausschließlich in Fiori, während viele klassische GUI-Transaktionen funktional eingefroren, abgekündigt oder langfristig durch Fiori-Anwendungen ersetzt werden.
- Wissensgefälle wächst. Anwender, die ausschließlich GUI nutzen, verlieren den Anschluss an die S/4HANA-Weiterentwicklung.
- Der Swivel-Chair-Effekt kostet täglich Zeit. Wer zwischen GUI und Fiori hin- und herwechselt, verliert durch den Kontextwechsel messbar Produktivität.
Was Unternehmen verlieren, wenn Fiori nicht genutzt wird
Wer dauerhaft in der GUI arbeitet, nutzt S/4HANA wie ein ECC-System mit modernerer Datenbank. Das ist technisch möglich, aber es bedeutet, dass der eigentliche Wert der Investition ungenutzt bleibt.
Embedded Analytics: Reporting ohne externen Umweg
Durch die Aufhebung der Trennung zwischen analytischen und operativen Systemen haben Anwender in S/4HANA direkten Zugriff auf operative Daten in Echtzeit. Analysen sind ohne Zeitverzögerung verfügbar, ohne zwischen Systemen zu wechseln. Keine Wartezeiten auf ETL-Prozesse in ein Data Warehouse. Controller erhalten Zugriff auf aktuelle transaktionale Daten, ohne auf aufbereitete Daten aus dem Business Warehouse zu warten.
Viele operative Reporting-Anforderungen lassen sich damit bereits ohne separates BI-System abdecken. Das reduziert Aufwand und Kosten. Wer Fiori nutzt, bekommt ein Reporting-Werkzeug inklusive, ohne zusätzliche Lizenz, ohne separates System, ohne Schnittstellenpflege.
Was Embedded Analytics in Fiori konkret bietet
- Smart Business KPIs: Kennzahlen in Echtzeit auf Kacheln mit Schwellenwerten, Zielbereichen und Trendverläufen. Per Drilldown vom Gesamtwert bis auf Positions- oder Kundenebene.
- Multidimensionale Reports: Pivot-basierte Auswertungen direkt im System, nach Organisation, Zeit, Kostenstelle, Produkt oder Region, ohne Datenexport nach Excel.
- Analytical List Pages: Listen mit integrierter Filterfunktion, die operative und analytische Sicht kombinieren. Direkt aus der Analyse in die Bearbeitung springen, ohne Systemwechsel.
- Overview Pages: Rollenbasierte Dashboards mit einem Gesamtüberblick, für Controller, Buchhalter oder Teamleiter individuell konfigurierbar.
Direkt aus der Analyse in die Transaktion
Anwender können aus einer Analyse heraus unmittelbar in relevante Finanzprozesse springen, etwa Mahnläufe oder Buchungskorrekturen, ohne Systemwechsel. In der GUI war das nicht möglich: Analyse in einem Tool, Bearbeitung in einem anderen, Ergebniskontrolle wieder woanders. Dieser Medienbruch kostet täglich Zeit.
Wer in der GUI bleibt, zahlt für Potenzial, das er nicht nutzt
SAP investiert die Entwicklungsressourcen der nächsten Jahre in Fiori. Wer heute ausschließlich auf die SAP GUI setzt, arbeitet gegen die strategische Entwicklungsrichtung von SAP. Neue Funktionen entstehen zunehmend in Fiori, während klassische GUI-Transaktionen nach und nach eingefroren oder abgelöst werden. Nicht die gesamte GUI verschwindet von heute auf morgen, aber immer mehr einzelne Prozesse werden ausschließlich über Fiori weiterentwickelt und langfristig dort verankert.
Was wirklich hilft — und was nicht
Was nicht hilft
Den Zugang zur GUI zu sperren, ohne die Lücken in Fiori geschlossen zu haben. Anwender zu zwingen, ohne ihnen die nötige Sicherheit zu geben. Und darauf zu hoffen, dass sich die Gewöhnung von selbst einstellt, sie tut es nicht, jedenfalls nicht schnell genug.
Was hilft
Bewährte Ansätze für eine nachhaltige Fiori-Adoption
- Performance sicherstellen, bevor Anwender geschult werden. Eine langsame App erzeugt Ablehnung, die schwer rückgängig zu machen ist. OData-Services, Web Dispatcher, Caching: das muss vor dem Go-Live stimmen.
- Schrittweise Umstellung statt Big Bang. Wo eine Fiori-App gleich mehrere Transaktionen oder einen ganzen Prozess abbildet, führt man diese von Anfang an mit ein. Das erzeugt positive Ersterfahrungen und stärkt die Akzeptanz.
- T-Code-Suche im Launchpad erklären. Wer weiß, dass er FBL1N auch in Fiori eintippen kann und dann direkt landet, verliert die wichtigste Anfangshürde.
- Nachtraining 4 bis 8 Wochen nach Go-Live. Nicht vor dem Go-Live, wenn niemand weiß, was ihn erwartet. Sondern danach, wenn echte Fragen auf dem Tisch liegen.
- SAP-Sprechstunde in den ersten Monaten. Regelmäßige, niedrigschwellige Termine, in denen Anwender konkrete Alltagsprobleme lösen können, ohne Ticket, ohne Wartezeit.
Selbstcheck: Wie steht Ihr Unternehmen da?
Wenn Sie mindestens zwei dieser Fragen mit „Nein" beantworten, besteht Handlungsbedarf:
- Laden die Fiori-Apps in Ihrem System in unter zwei Sekunden?
- Haben alle Anwender Zugriff auf die Fiori-Apps, die sie für ihre täglichen Aufgaben brauchen?
- Wissen Ihre Anwender, dass sie T-Codes auch im Fiori Launchpad eingeben können?
- Hat es nach dem Go-Live gezieltes Nachtraining gegeben, nicht nur eine Erinnerung an die Erstschulung?
- Können Sie heute messen, wie viele Ihrer kritischen Workflows tatsächlich über Fiori laufen und wie viele noch über GUI?
Die eigentliche Herausforderung von Fiori ist nicht die Technologie. Sie besteht darin, Menschen dabei zu unterstützen, vertraute Arbeitsweisen loszulassen und neue Möglichkeiten produktiv zu nutzen. Unternehmen, die diesen Schritt aktiv begleiten, profitieren deutlich stärker von ihrer S/4HANA-Investition als Unternehmen, die allein auf technische Bereitstellung setzen.
Fiori-Adoption gezielt stärken
Sie merken, dass Ihre Anwender nach dem Go-Live zur GUI zurückwechseln?
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